Die elektrische Katze

Vor ein paar Wochen durfte ich den Jaguar I-Pace testen. Dank Eckdaten wie 208 km/h Höchstgeschwindigkeit, 90 kWh Akku und 4,8 Sekunden für den 0- 100-km/h-Sprint kommt man in die Versuchung, ihn als „Tesla-Killer“ einzustufen.

 

Der I-Pace ist tatsächlich ein sehr gutes Auto – aber reicht es zum Tesla-Killer?

 

Fangen wir mit den positiven Punkten an:

 

Das Fahrverhalten ist super. An die Kennlinie des Strompedals musste ich mich am Anfang doch etwas gewöhnen – das ist beim Tesla einfach einen Ticken weicher. Der Jaguar jagt sofort mit aller Kraft nach vorne, wenn ich das Beschleunigungspedal auch nur anschaue – ungewohnt, hat mir aber sehr gut gefallen. Um ruhiger unterwegs zu sein, ist die Abstimmung beim Tesla besser – aber wer ruhig unterwegs sein will, kauft sich ja keinen Jaguar.

 

Die Beschleunigung ist bei einem Elektroauto ein relativ trivialer Punkt, da kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Viel anspruchsvoller ist es, ein gutes Fahrwerk zu bauen, da ist Jaguar den Kaliforniern klar überlegen. Das heißt nicht, dass das Model S ein schlechtes Fahrwerk hat. Aber wenn man mit einem Model S scharfe Kurven fährt oder mal etwas zügiger auf den 270° Kurven an Autobahnkreuzen unterwegs ist, sitzt man eben in einer rollenden Schaukel und schwankt hin und her. Der I-Pace schwankt kein Bisschen. Rein in die Kurve, zack durch und wieder raus. Wie eine Katze, kein Schaukeln, nur eine leichte Neigung. Auf der Landstraße macht der Jaguar eindeutig mehr Spaß als ein Tesla.

 

Angenehm ist dabei, dass es im Jaguar doch leiser als im Tesla ist. Gerade bei hohen Geschwindigkeiten hört man im Tesla sehr starke Strömungsgeräusche – das hat Jaguar besser im Griff. Auch beim Zuschlagen der Türen hört man ein deutlich satteres „Plopp“ als das Klappern im Tesla. Der Gesamteindruck der Verarbeitung entspricht einfach deutlich mehr einem Oberklassefahrzeug, als das bei Tesla der Fall ist. Ganz ehrlich: Alles andere hätte mich bei einem Premiumhersteller wie Jaguar, der seit vielen Jahrzehnten Autos baut, auch gewundert. Die Erfahrung der Briten muss sich ja irgendwo bemerkbar machen.

 

Was Tesla definitiv fehlt, ist die 360° Kamera. Der I-Pace hat eine Vielzahl an Kameras, einige extra für die Felgen, sodass ich genau sehen kann, wann ich dem Bordstein zu nahe komme. Gerade bei so teuren Felgen fühlt man sich damit einfach besser.

 

 

 

Grundsätzlich ist der Jaguar I-Pace also ein sehr gutes Auto. Leider gab es auch ein paar Dinge, die mir weniger gut gefallen haben:

 

Das Gesamte Entertainment. Zu viele Displays, dadurch wirkt alles irgendwie zerklüftet und unorganisiert. Weil man sich nicht zwischen Knöpfen und Touchdisplay entscheiden konnte, fallen die Displays für meinen Geschmack zu klein aus. Beim Versuch, während der Fahrt über die Freisprecheinrichtung zu telefonieren, ist erst erfolgreich, als mein Beifahrer das Display bedient. Ich selbst tippe immer daneben, weil die Buttons im Display einfach zu klein sind, um sie während der Fahrt zu drücken. Außerdem ruckelten die Displays manchmal, insbesondere die Rückfahrkamera. Ich verlasse mich bei Renault und Tesla voll und ganz auf die Kamera, beim Jaguar ging das nicht, weil das angezeigt Bild meiner tatsächlichen Position eben ein paar Sekunden (also teilweise fast einen Meter) hinterherhing.

 

Ebenfalls geruckelt haben die Rundinstrumente – wobei ich digitale Rundinstrumente ja sowieso absurd finde. Hat mir in der alten Software von Tesla nicht gefallen und gefällt mir bei Jaguar auch nicht, letztendlich ist das Geschmacksache, aber ruckeln sollten sie einfach nicht.

 

Der Kardantunnel hinten ist überflüssig – zwar kein Riesenproblem, aber ein Zeichen dafür, dass das Auto seine Herkunft nicht verleugnen kann. Ähnlich verhält es sich mit dem vorderen Kofferraum – da passt das Ladekabel rein, mehr nicht.

 

 

 

 

 

In engen Parklücken habe ich Teslas „Herbeirufen“ vermisst – auch bei Mercedes und BMW sind solche Funktionen ja mittlerweile erhältlich, schade, dass Jaguar das nicht hat.

 

Den „Biowaffenabwehrmodus“ im Model S/X hält man übrigens nur so lange für ein Gimmick, bis man ihn nicht mehr hat. Als ich durch Stuttgart gefahren bin, habe ich ihn mir immer wieder zurückgewünscht. Gerade, wenn der alte Lieferwagen vor mir Gas gibt und hinten mehr Ruß rauskommt als aus einer Dampflok (ja, die gibt es. Und zwar gar nicht mal so selten).

 

 

 

Diese Kritikunkte sind aber jammern auf hohem Niveau. Das zerklüftete Bedienkonzept, die Rundinstrumente, der Kardantunnel uns so weiter machen den I-Pace nicht zu einem schlechten Auto. Darüber könnte man hinwegschauen und ihn guten Gewissens trotzdem kaufen.

 

 

 

Leider haben wir ein paar K.O.-Kriterien, die Jaguar mit dem I-Pace nicht erfüllen konnte:

 

 

 

Das fehlende teilautonome Fahren hat mehr geschmerzt, als ich vorher gedacht hatte. Ich habe meinen Vordermännern wiederholt Lichthupe gegeben, weil ich den Autopilot aktivieren wollte, aber der Ton und das blaue Lenkrad sind einfach nicht gekommen. In der Stadt war das irrelevant, aber auf der Autobahn im zähen Verkehr hat es mich genervt, dass ich weiterhin selbst fahren musste.

 

Der I-Pace hat zwar einen Spurhalteassistent, aber der hält die Spur nicht aktiv, sondern greift erst ein, wenn man die Spur verlässt. Wenn man die Hände vom Lenkrad nimmt, fährt er also ein paar Mal im Zickzack und steigt dann aus. Die Art und Weise, wie er sich deaktiviert, finde ich bedenklich: Es ist ein Warnton zu hören und im Display erscheint eine Meldung – wie bei Tesla auch. Unterschied: Der Tesla lässt den Autopiloten aktiviert und hält irgendwann an. Der Jaguar schaltet den Spurhalteassistent ein paar Sekunden nach Erscheinen der Warnmeldung ab und man rast unkontrolliert weiter.

 

 

 

Außerdem fehlt ein dreiphasen-Lader, der kommt wohl erst 2021. Das mag für Otto-Normalverbraucher, der über Nacht lädt, völlig irrelevant sein – für uns in der Autovermietung ist das ein No-Go: Bei uns kommen teilweise Fahrzeuge am Vormittag zurück und müssen am Nachmittag für den nächsten Kunden bereitstehen. Meistens ist der Akku ziemlich leer und den Hof verlassen sollte das Auto mit möglichst hohem Akkustand. Mit den 17 kW-Ladegeräten bei Tesla geht das gerade so, mit den Fahrzeugen mit 11 kW-Ladegerät müssen wir teilweise schon zum Supercharger fahren. Beim Jaguar fällt mit 4,6 kW das Laden in der Firma flach, die nächste 100 kW-Ladestation ist erst am Flughafen Stuttgart, also mehr als 30 Kilometer oneway. Die Strecke fährt man nachts in 20 und im Berufsverkehr in 90 Minuten. Dann wäre man also für die hin und Rückfahrt 3 Stunden und nochmal knapp anderthalb Stunden mit Laden beschäftigt, also 4,5 Stunden für eine DC-Ladung. In der Zeit haben wir die Teslas bei uns vor der Tür ebenfalls geladen, aber nebenher noch gewaschen und ausgesaugt.

 

Wo wir gerade beim Thema Gleichstrom sind: unser Testfahrzeug konnte maximal mit 80kW Laden und ist ziemlich schnell in die Knie gegangen. So wäre das für die Langstrecke grenzwertig (mal ganz abgesehen von den fehlenden Ladestationen. Ionity hat bis jetzt gerade mal 2 (in Worten: zwei) Ladestationen in Deutschland in Betrieb), allerdings gab es noch ein Update, dass die Ladekurve verbessern und die maximale Leistung auf 100 kW anheben soll, perspektivisch will Jaguar auf bis zu 150 kW gehen. Dann sieht die Welt wieder anders aus.

 

 

 

Was ist nun mein Fazit zum Jaguar I-Pace? Er ist ein gutes Auto, in einigen Bereichen besser als Tesla und in vielen gleichauf. Der „Tesla-Killer“, als der er von vielen dargestellt wird, ist er sicher nicht, eher in einer Liga mit dem EQC von Mercedes. Ich bin skeptisch, ob er Tesla Kunden wegnehmen kann, aber ziemlich sicher, dass viele Jaguarfahrer zum I-Pace umsteigen werden. Auch Kunden, die nicht auf den Mercedes-Benz EQC warten wollen, finden im I-Pace eine sehr gute Alternative. Auch Langstrecken sind mit dem I-Pace möglich – man muss aber (noch) etwas mehr Zeit mitbringen, als im Tesla Model S/X. Auch mit 100 kW DC-Ladeleistung und einphasiger AC-Ladung kann der Jaguar ein vollwertiger Erstwagen sein, vor allem für die Kunden, die für ihre längste Strecke nicht mehr als einmal Laden müssen (das reicht ja trotzdem für viele Urlaubsziele innerhalb Deutschlands) und die eine Lademöglichkeit daheim oder beim Arbeitgeber haben.

 

Ich finde es gut, dass Jaguar deutlich vor den anderen etablierten Herstellern ein Oberklasse-Elektroauto herausgebracht hat – da kann man es akzeptieren, dass noch nicht alle Details perfekt sind. Wir werden uns, hauptsächlich aufgrund der Schwierigkeiten beim Laden, noch keinen Jaguar I-Pace kaufen.

 

In einem oder zwei Jahren kann das aber schon ganz anders aussehen: Wenn die 150 kW-Ladung funktioniert, entsprechende Ladestationen vorhanden sind und der Dreiphasenlader an Bord ist, wird der Jaguar für uns interessant. Wenn wir uns dann einen holen, erfahrt ihr es hier zuerst.

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