Model 3

Ich hatte diese Woche die Gelegenheit, mit einem Tesla Model 3 zu fahren, immerhin vier Stunden war ich damit unterwegs, das war zwar kurz, aber dennoch sehr eindrucksvoll. Ich bin kein Autotester und hangele mich nicht durch Kriterien und Kategorien, sondern beschreibe einfach subjektiv meine Eindrücke, die ich in dieser kurzen Zeit sammeln konnte. Wenn Ihr Fragen habt, könnt die gerne als Kommentar schreiben. Vielleicht weiß ich eine Antwort und habe vergessen, den Punkt im Bericht zu erwähnen.

Als ich vor vier Jahren das erste Mal im Model S saß, überforderte mich die Informationsflut der beiden Bildschirme. Beim Model 3 war das Gegenteil der Fall, die Leere überforderte mich. Kein Tachodisplay, nur noch zwei Hebel an der Lenksäule (statt vier beim Model S/X) und nur noch zwei kleine, verschieb- und drehbare Knöpfe am Lenkrad. Eine durchgehende Holzleiste und in der Mitte ein schwebendes Display. Schon für das Model S wurde gerne der Begriff „iPhone auf Rädern“ verwendet – ich finde, auf das Model 3 passt diese Beschreibung viel besser: Wenn man einsteigt, wandern die Augen spätestens nach 10 Sekunden zum Touchscreen – ansonsten gibt es in dem Auto nämlich einfach nichts zu sehen. Ich finde das aufgeräumte Interieur gut, verstehe aber nicht, warum kein Head-Up-Display gibt (muss ja nicht Serie sein, aber eine Option wäre schön gewesen). Im Model S habe ich die Geschwindigkeit immer im Blick und sehe die Navi-Anweisungen direkt daneben. Im Model 3 muss ich dafür immer nach rechts kucken, nervig.

Dieser auf einen Touchscreen zentrierte Innenraum könnte ein Vorgeschmack auf das Aussehen autonomer Fahrzeuge sein. Wenn man nicht mehr selbst fährt, braucht es keine Navi-Anweisungen und man muss auch vor dem Blitzer nicht mehr checken, ob man auch wirklich 50 fährt. Man kann den Kopf von der Straße weg- und zum Bildschirm hinwenden und diesem die volle Aufmerksamkeit schenken. Und nein, damit sage ich nicht, dass das Model 3 autonomes Fahren Level 5 erreichen wird, der Autopilot ist weiterhin nur ein Assistenzsystem (mehr dazu weiter unten).

Ich bin gut mit dem aufgeräumten Design klargekommen – aber gerade für jemanden, der davor einen Mercedes, Audi oder BMW gefahren ist, in dem eine Armada aus Schaltern den Mitteltunnel beherrscht, das Lenkrad mehr Tasten als die tollsten Nokia-Handys hat und eine Vielzahl an größeren und kleineren Bildschirmen überall verteilt ist, wird das Fehlen dieser Reizüberflutung wohl ziemlich hart.

Vor dem Losfahren nehme ich mir eine Viertelstunde Zeit, mich durch die Menüs des Touchscreens zu wühlen. Eigentlich alles logisch strukturiert, dennoch brauche ich etwa eine halbe Minute, bis ich die Lenkradverstellung gefunden habe: Man tippt auf den entsprechenden Button im Touchscreen und dreht dann am linken Scrollrad für die Höhe, zum Rein- oder Rausfahren schiebt man das Rad nach links oder rechts. Im ersten Moment erscheint das unpraktisch, allerdings finde ich es besser als die aus dem Model S bekannte Verstellung über einen Hebel an der Lenksäule: Da nehme ich nämlich zumindest eine Hand vom Lenkrad und merke beim Verstellen nicht direkt, ob die Position passt. Bei der Verstellung über das Scrollrad kann ich gleichzeitig beide Hände am Lenkrad haben und weiß so viel schneller, welche Position passt.

Als nächstes will ich die Spiegel einstellen. Ich suche wieder eine halbe Minute, nur um festzustellen, dass der entsprechende Button direkt neben dem für die Lenkradverstellung war. Nachdem das erledigt ist, will ich das Ziel eingeben, sehe aber nur graues Karopapier statt einer Navikarte. Klar, das Fahrzeug ist ein US-Modell und kann die Karte nicht laden, weil es in Europa keine Funkverbindung hat. Dann eben die klassische Fahrt auf Sicht – für was gibt’s Schilder?

Ich trete die Bremse und ziehe den Hebel rechts am Lenkrad herunter. Die Bewegung ist eingebrannt. Das Model 3 bewegt sich jedoch nicht, sondern meckert, dass ich die Schlüsselkarte auf den Getränkehalter legen muss. Nervig, wenn man das Smartphone mit dem Auto koppelt ist das Thema aber erledigt. Zweiter Versuch, jetzt klappt es. Ich fahre vom Hof, zur nächsten Kreuzung und will blinken. Der Blinkerhebel rastet aber nicht ein, also drücke ich ihn immer wieder (und komme mir ziemlich bescheuert vor), bis ich merke, dass der Blinker an bleibt, obwohl der Hebel nicht einrastet. Ich biege ab, trete das Beschleunigungspedal. Alles bereits bekannt – durch die geringere Größe wirkt die Beschleunigung direkter als im Model S – obwohl das Model 3 ja langsamer ist. Ein Verbrennerfahrer würde wohl keinen Unterschied bemerken.

Auf der Autobahn angekommen ziehe ich den Autopilothebel zweimal und merke dabei, dass das der Blinkerhebel ist und ich meinem Vordermann Lichthupe gegeben habe. Beim nächsten Versuch ziehe ich den richtigen Autopilothebel – jetzt klappt es. Ebenfalls wie beim Model S: Schwimmt sehr flüssig im Verkehr mit, keine einzige Phantomerfassung (die im Model S doch immer wieder vorkommt), an langsameren Fahrzeugen fährt er weniger zögerlich vorbei, alles in allem einfach souveräner. In der Kurve der Ausfahrt steigt er trotzdem unvermittelt aus, kein Problem für mich, ich habe die Hände ja vorschriftsmäßig am Lenkrad.

Ich fahre am Mercedes-Benz-Museum vorbei und kann es mir nicht verkneifen, kurz rauszufahren und ein Foto vor dem silbrig glänzenden Gebäude zu machen. Das Model 3 passt perfekt dazu – noch lieber wäre ich mit einem deutschen Elektroauto unterwegs, anderes Thema.

Auf der Fahrt durch Stuttgart sehe ich in viele verdutzte Gesichter. Einige Autofahrer packen am Steuer das Telefon aus und fotografieren. Auffällig ist, dass es vor allem jüngere Leute sind, die sich für meinen fahrbaren Untersatz begeistern.

Bei Spurverengungen gehe ich reflexartig nach rechts, beim Model S und X sind die Spiegel permanent in Gefahr. Das Model 3 ist schmaler, also gehe ich wieder nach links und freue mich wie ein Schnitzel über das kleinere Auto.

Am Supercharger Leonberg mache ich mit dem Typ2 Adapter für den amerikanischen Stecker des Model 3 ein Ladebild, Beim Verlassen muss ich zum Verriegeln die Karte an die B-Säule halten – am Anfang vielleicht noch ein bisschen cool, auf Dauer würde mir das aber tierisch auf den Zeiger gehen. Sofort werde ich von anderen Tesla-Fahrern belagert: „lädt er?“, „darf ich mal reinsitzen?“, „wo hast Du den her?“, etc. Irgendwann eise ich mich los und kann bei der Fastfoodkette meines Vertrauens ein völlig überteuertes Eis kaufen. Als ich zurückkomme, finde ich mich in einer Sauna wieder. Blöd, wenn die App mangels Funkverbindung nicht funktioniert – damit kühle ich normalerweise immer vor.

Zum Schluss geht’s hoch zur Solitude. Auf der kurvigen Landstraße merke ich, dass der kleine Flitzer doch deutlich leichter als das Model S ist, ich muss vor den Kurven deutlich weniger rekuperieren. Die Lenkung ist extrem agil, wie beim einem Go-Kart. Auch die Größe des Lenkrads ist ungewohnt, es ist doch merklich kleiner als im Model S/X.

Ich würde gerne die Lüftung etwas hochdrehen, beim Model S ist das einmal scrollen am Lenkrad, beim Model 3 muss ich an den Touchscreen. Das ist Jammern auf hohem Niveau, aber das Auto ist ja auch nicht billig.

Schnell noch ein paar Bilder gemacht – dann muss ich weiter und das Auto wieder abgeben.

 

Alles in allem bin ich sehr gut zurechtgekommen – aber auch durch unsere anderen Teslas vorbelastet. Für Fahrer eines Verbrenners (oder auch eines anderen Elektroautos) wird der Umstieg zum Model 3 noch härter als zum Model S oder X. Wer ein Smartphone bedienen kann, wird aber auch damit klarkommen. Einige wird das Bedienkonzept sicher vom Kauf abhalten – das dürfte aber ein sehr geringer Prozentsatz sein.

Teslas Wettbewerber können sich warm anziehen, denn die Verarbeitungsqualität hat ein wirklich gutes Niveau erreicht, die Ladeinfrastruktur steht und selbst wenn das 35.000$-Model 3 wohl nicht vor 2020 kommen wird, werden auch die teureren Versionen noch unterhalb des Jaguar I-Pace oder dem Mercedes EQC liegen.

Die Panikmache mancher Tesla-Fans ist sicher übertrieben, aber auf die leichte Schulter nehmen kann man Tesla nicht mehr, denn mit dem Model 3 werden die Kalifornier endgültig zu einem ernstzunehmenden Volumenhersteller.

 

 

Wann gibt es das jetzt bei uns zu mieten? Wird noch dauern, denn das US-Modell ohne Supercharger und Navi kann man einfach nicht auf die Kunden loslassen. Nachdem wir doch sehr zeitig reserviert haben, hoffe ich, dass unsere drei bestellten Model 3 irgendwann 2019 eintrudeln. Bis dahin müsst Ihr Euch gedulden, oder ein Model S/X mit 90 oder 100 kWh Akku nehmen. Das geht, wenn man sich einschränkt ;-)

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